Dieser Text handelt von Führerschaft und Innovation - und der Beziehung, die in der deutschen Wirtschaft zwischen diesen beiden Begriffen besteht. Da es unmöglich ist, 1998 in Deutschland über Führerschaft zu diskutieren, ohne auf die Ereignisse der 30er und 40er Jahre Bezug zu nehmen, geht es deshalb auch um die deutsche Vergangenheit.
Führer - schon das Wort ist tabu. Dafür hat vor über 50 Jahren Adolf Hitler gesorgt. Und dabei ist es bis heute geblieben.
Hitler versuchte von Anfang an, Führerschaft mit seiner Person zu verbinden - der Begriff "Führer" sollte allein für ihn reserviert bleiben. 1942 ließ er den Titel Reichskanzler aus dem Lexikon herausnehmen und ersetzte ihn durch den neuen Begriff Führer. Ein Jahr später ordnete er eine umfangreiche Untersuchung an, die nur ein Ziel hatte: Das Wort "Führer" sollte aus dem offiziellen Sprachgebrauch sowie aus jedem Kontext, der nicht direkt mit ihm selbst in Beziehung stand, gelöscht werden.
Sämtliche Anwendungen des Begriffs wurden aufgespürt. Die ausführliche Studie enthielt sogar Wortkombinationen wie Gruppenführer, Opernführer, Zugführer oder auch Anführer und Verführer. Am Ende war die Liste so lang geworden, daß der Verantwortliche der Untersuchung zu dem Schluß gelangte, es sei unmöglich, den Begriff und seine Wortbeugungen auf Hitler zu beschränken. Der Befehl des Reichskanzlers, so sein Fazit, könne deshalb nicht ausgeführt werden.
Hitler fügte sich. Das moderne Deutschland jedoch hat an der Stelle, an der er scheiterte, erfolgreich weitergearbeitet. Still und leise, aber ungemein wirkungsvoll, wurde der Begriff "Führer" tabuisiert. Und mit ihm die kraftvollsten Formen des Stammworts "führen". Übrig geblieben sind im heutigen Sprachgebrauch ein paar Fragmente - harmlose Abwandlungen. Ungefährlich. Politisch korrekt.
Das alte Wort "Leiter" wurde wiederbelebt, Führer wurden zu Führungskräften oder -persönlichkeiten verklausuliert. Und Begriffe wie "Manager" hat die deutsche Wirtschaft sicherheitshalber aus dem Englischen entliehen.
Das mag man als Wortklauberei abtun oder als Teil der Kulturgeschichte. Ich nenne diese Sprachlosigkeit dramatisch, denn sie hat einen tiefgehenden Einfluß auf deutsche Denkmuster und damit auch auf das Innovationsverhalten der Wirtschaft.
Führerschaft ist mehr als eine Worthülse. Führung ist die Basis jeder Innovation. Die Aufgabe von Führerschaft ist die Kreation. Das Erschaffen und Kommunizieren von Zukunft, die mehr ist als eine Fortsetzung der Vergangenheit. Führung meint Strategie und Vision. Und eine echte Vision entwirft Szenarien - zuerst mit Worten, dann als Handlung.
Als John F. Kennedy 1961 verkündete, daß die USA Ende der 60er Jahre einen Menschen auf den Mond schicken und ihn wieder auf die Erde zurückbringen würden, gab es nichts, was seine Aussage glaubhaft oder vernünftig hätte erscheinen lassen. Die Technologie für die bemannte Raumfahrt gab es nicht, das Geld war nicht vorhanden. Alles wurde erst nach dem Aussprechen des scheinbar Absurden - eines Menschen auf dem Mond - initiiert. Das meint Vision. Sie eröffnet ein neues Feld, auf dem Handlungen möglich sind. Visionen ohne Handlungen sind Träumerei, aber eine Handlung ohne Vision ist nicht mehr als eine Art "in Bewegung sein".
Im traditionellen Führungsmodell ist Führung eine Funktion von Überlegenheit und Autorität: Die Führer führen, und der Rest folgt ihnen. Ich halte dieses Modell für überholt. Aber ich fürchte, es gilt immer noch für Deutschland.
Gerade in der deutschen Kultur haben Elemente wie Autorität oder Stellung in der Hierarchie nach wie vor eine besondere Bedeutung. Dieses Modell von Führerschaft läßt Befehle, Kontrolle und Bürokratie entstehen und geht mit sehr langsamen Entscheidungsprozessen einher.
Im modernen Wirtschaftsdenken dagegen entsteht Führerschaft ohne Rücksicht auf Position und formale Macht an jeder Stelle des Unternehmens. Zeitgemäße Führer haben eine Vision - und ihre Art der Kommunikation inspiriert andere, eigene Vorhaben zu kreieren. Untergebenheit und Unterwürfigkeit haben da keinen Platz, genausowenig wie das Wort "dienen". Wahre Führer geben Menschen die Möglichkeit zu wachsen, damit sie außergewöhnliche Ergebnisse produzieren: Innovationen entstehen.
Der Vater der Swatch-Uhr, Nicolas Hayek, hat einmal gesagt: "Wir haben zu viele Manager, das heißt Leute, die ein sehr gutes Orchester dirigieren und Mozart oder Beethoven spielen können, sauber, ohne Emotion. Aber wir haben keinen Mozart und keinen Beethoven mehr." Hayek sprach von Deutschland, und er hatte recht. Der Mangel an Innovationen ist die größte Schwäche des Landes - was einmal als Stärke Deutschlands galt, wurde im Laufe der Zeit zum größten Problem.
Kein Wunder: Wenn Innovation eine Funktion von Führerschaft ist und wenn aus dem Horror des Nazi-Regimes eine Sensibilisierung der Menschen erwuchs, die zu einer siechenden Schwächung von Führerschaft führte, dann mußten Innovationen zwangsläufig ausbleiben oder zumindest weniger werden.
In Deutschland ist Führerschaft ein Tabu. Die Erfahrung der Deutschen hat dafür gesorgt, daß sie das Wort Führerschaft aus ihrer Sprache eliminiert haben - und damit aus ihrem Sein. Die degenerierte Form des Begriffs, die Deutschland während der Naziherrschaft angeboten wurde und die dem Land und der Welt unsagbaren Schaden zugefügt hat, sitzt tief im Bewußtsein. Das Land, das viele der größten Führer und Innovatoren in Handel, Wissenschaft und Technologie hervorbrachte, hat bis heute seinen angestammten Platz in der Welt nicht zurückgewonnen.
Ich bin ein Jude, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen ist und der die Enthüllungen des Holocaust erlebt hat. Und ich bin Amerikaner, seit 15 Jahren spezialisiert auf die Entwicklung von Führungspersönlichkeiten und der Beratung des Managements.
Seit 1992 arbeite ich in Deutschland eng mit deutschen und internationalen Unternehmen zusammen, und um dies tun zu können, mußte ich mir lange über meine Gefühle klarwerden und mich mit meinem kulturellen Zwiespalt auseinandersetzen.
Immer wieder habe ich seitdem die Klagen des deutschen Topmanagements gehört: Es müsse etwas getan werden für mehr Innovationen, oder die Regierung müsse ihrer Führungsrolle besser gerecht werden. Wie immer die Kommentare auch ausfielen, am Ende mündete der Ruf nach Führung in Furcht - vor vermeintlich mangelnder Sensibilität, vor Mißverständnissen oder vor Fehlinterpretationen. In jedem Fall, so scheint es mir, glaubt Deutschland, die Erlaubnis der Welt abwarten zu müssen, um Führerschaft wieder pflegen zu dürfen.
Deutschland befindet sich in einem Notstand. Ohne eine innere Verpflichtung für Führerschaft auf seiten des Managements kann die deutsche Wirtschaft nur schrittchenweise wachsen, mit Steigerungsraten von 2,5 bis 3 Prozent pro Jahr. Durchbrüche wie in den USA werden so kaum erzielt.
Nein, in Deutschland wird es keinen Fortschritt geben, solange Führerschaft nicht vorausschreitet. Und Führerschaft, so meine ich, kann einzig und allein aus der Wirtschaft kommen.
Auf politische Führung sollte niemand hoffen - die deutschen Politiker sind zu uneins und zu beschäftigt mit der Lösung der Myriaden von Problemen. Zudem: In jedem Land, in dem eine neue Zukunft entstanden ist, war für deren Entstehen der Wirtschaftssektor entscheidend. Und niemand wurde um Erlaubnis gefragt. Es ist höchste Zeit für einen Wandel im deutschen Denken. Und es ist Zeit, daß Manager es wagen, Führer zu sein. Dazu gehört nicht nur, offen und frei über Führerschaft zu reden, sondern auch, sie zu ergreifen.
Die Welt soll die Schrecken des Nazi-Regimes nicht vergessen - aber anerkennen, daß das Land im Jahr 2000 nicht dasselbe Reich, die Menschen nicht dasselbe Volk und die Manager nicht dieselben Führer sind wie im Jahre 1940. Die Botschaft an die Wirtschaft kann deshalb nur lauten: Kreiert für Deutschland eine Zukunftsvision, in der die Vergangenheit anerkannt wird und die aus deren Fehlern und Irrtümern lernt. Kommuniziert diese Vision großzügig in Euren Unternehmen, in Deutschland und in der Welt. Und traut Euch, Führer zu haben.
*Edward M. Gurowitz (55) ist Gründungspartner der internationalen Managementberatung Generative Leadership Group. Der Essay ist eine Zusammenfassung eines längeren Textes. Das Originalmanuskript kann bezogen werden über: Ralf Schneitz, Telephon: 07 21/9 37 41 17.